Ach ja, Gothic. Was gäbe es zu dieser Serie, besonders dem dritten Teil nicht alles zu sagen bzw. zu schreiben. Aber anstatt euch mit meinem subjektiven Geplänkel auf die Nerven zu gehen lasse ich, genau wie beim letzten mal, einfach die Fakten sprechen und fasse das Chaos mit seinen großen und kleinen Skandälchen nochmal zusammen.
15.03.2001 – Der erste Teil von Gothic erscheint und entwickelt sich zu einem Überraschungshit. Die gelungene Grafik und eine offene Welt überzeugen rund 100.000 Spieler, so oft verkauft sich nämlich der Titel. Das (in diesem Falle positiv) skandalöse daran? Das Spiel kommt aus Deutschland und da kommen normalerweise nur Aufbau Spiele wie Siedler und Anno her.
29.11.2002 – Gothic 2 erscheint und kann den Erfolg des Erstlings mit über 200.000 verkaufter Exemplare sogar noch übertreffen. Darum erscheint auch fast ein Jahr später das beinharte aber gelungene Addon Die Nacht des Raben.
26.02.2004 – Gothic 3 wird in einem Finanzbericht angekündigt und von der Presse zum Oblivion Killer hochstilisiert. Die im Laufe der kommenden Monate gezeigten Bilder und Videos begeistern (mal wieder) Presse und Spieler zugleich. Um das Gameplay macht sich niemand Sorgen.
17.05.2006 – Fans der Serie rufen dazu auf eine Petition zu unterzeichnen die sich gegen Kopierschutzmaßnahmen im dritten Teil einsetzt. Hauptaugenmerk liegt dabei auf der umstrittenen Software Starforce.
06.07.2006 – Die Unterschriftenaktion hat Erfolg, Gothic 3 soll nur mit einem „sanften Kopierschutz“ ausgeliefert werden.
13.09.2006 – Die Entwickler melden das die fertige Goldmaster-Version ans Presswerk ging und das Spiel also fertig ist. Die Fans jubeln.
22.09.2006 – Keine 10 Tage später zieht Piranha Bytes den Goldstatus zurück, es müssen noch etliche Fehler beseitigt werden, daher wurde die Produktion gestoppt. Johann Ertl von Jowood verspricht: „Es wird ein absolut herausragendes und stabiles Game am 13. 10. ausgeliefert. (…) Jedes Mitglied der Community, das in der Verkaufsversion einen reproduzierbaren A-Bug findet, der auf Gothic 3 und nicht auf sein System zurückzuführen ist, wird von mir auf ein Wochenende in ein Schaukampflager eingeladen, verköstigt, trainiert und – falls volljährig und interessiert – mit Met ins Nirwana geschickt.“
27.09.2006 – Zum zweiten Mal ist das Spiel fertig. Die Fans sind skeptisch aber voller Vorfreude da der Erscheinungstermin nicht verschoben wird.
12.10.2006 – Selbst in der Patchgeplagten Spielebranche eine Besonderheit. Der erste Patch erscheint nicht nach sondern vor dem offiziellen Release. Die Fans sind aufgebracht, mehrere Softwareflicken werden folgen.
16.10.2006 – Dank dem überwiegend positiven Medienecho und den ungeduldigen Fans schafft Gothic 3 trotzdem sofort den Sprung aufs Treppchen und führt fortan mehrere Wochen die Verkaufscharts an.
26.10.2006 – Der zweite Patch ist fast fertig und Mike Hoge von Piranha Bytes gesteht „Wir werden in Zukunft sicher nicht mehr versuchen, uns mit einer so großen Welt derartig zu übernehmen“. Außerdem entschuldigt er sich bei den Fans „Dass Gothic 3 beim Release unfertig war, ist scheiße. Dass sich die Leute darüber aufregen, ist berechtigt. Uns war klar, dass Gothic 3 beim Release nicht bugfrei sein würde, aber der Umfang der Probleme, die wir noch in der Goldmaster-Version haben würden, wurde von uns unterschätzt.“ Die Fans sind nicht mehr aufgebracht, nein sie toben. Die großen Foren von Entwickler und Publisher werden überschwemmt und nahezu lahmgelegt.
21.12.2006 – Als ob man noch Öl ins Feuer gießen möchte, veröffentlicht Jowood erste Verkaufszahlen und ist damit sehr zufrieden.
02.02.2007 – Nach all dem Chaos doch ein wenig verwunderlich, Gothic 3 wird von den Lesern der Zeitschrift GameStar zum Spiel des Jahres 2006 gewählt. Trotz Patchunmut scheinen die Kunden also Spaß daran zu haben.
06.02.2007 – Mehrere Leute berichten von Abmahnungen. Koch Media hatte zusammen mit Jowood und Namco bereits im September 2006 angekündigt härter gegen Schwarzkopierer vorzugehen. Die Beschuldigten sollen eine Unterlassungserklärung abgeben und Abmahngebühren von 100 Euro und Schadenersatz von 50 Euro zahlen.
09.03.2007 – Jowood meldet das sich das Spiel weiterhin gut verkauft und sich zu einem „Langzeitseller“ entwickelt. Die 500.000er Marke ist geknackt. Damit ist Gothic 3 erfolgreicher als seine beiden Vorgänger zusammen. In den Augen vieler Spieler ein Hohn.
30.03.2007 – Der nächste Patch wird heiß erwartet. Die Entwickler melden aber Probleme. Zum einen sei er zu groß und zum anderen diskutiere man gerade das Update als „Kauf-Patch“ zu vermarkten. Erst auf Nachfrage einiger Magazine stellt Kai Rosenkranz klar das Patches zu Gothic 3 weiterhin kostenlos bleiben.
21.05.2007 – Die Hoffnungen auf einen weiteren Patch schwinden. Der Art Director von Piranha Bytes empfiehlt den Fans „die sich G3 bislang aufgespart haben“ das Spiel nun „endlich mal zu spielen“. Presse und Community sind verunsichert.
21.05.2007 – Noch am selben Tag veröffentlicht Jowood folgende Stellungnahme: „Werte Fans, Spieler, Forenleser, natürlich haben auch wir die Spekulationen und Gerüchte gelesen, die eine Einstellung des Patch-Supportes für Gothic 3 in den Raum stellen. Wir wollen hier unmissverständlich klar stellen, dass dies soweit es JoWooD angeht natürlich nur pure Spekulation ist und wir ein solches “Canceln des Supports” bzw. “Verzicht auf weitere(n) Patch(es)” weder planen, noch ohne Konsequenzen in Kauf nehmen würden. Wir bitten um Verständnis, dass während laufender Verhandlungen zwischen zweier Unternehmen keine der Firmen über deren Verlauf öffentlich sprechen kann/darf, aber dies sollte natürlich nichts mit dem Patch für Gothic 3 zu tun haben. Im Gegenteil, wir werden alles daran setzen dass endlich wieder qualitativ höchstmögliche und natürlich kostenlose Patches für euch zur Verfügung stehen. Euer JoWooD Team“
22.05.2007 – Die Bombe platzt. Entwickler Piranha Bytes und Publisher Jowood gehen in Zukunft getrennte Wege. An weiteren Patches wird somit seitens der Entwickler nicht mehr gearbeitet. Dies sollte eigentlich parallel zu der zur Produktion eines Add-Ons oder einer Fortsetzung geschehen. Wem die Rechte an Gothic gehören ist allerdings unklar.
22.05.2007 – Am selben Tag nach Bekanntgabe der Trennung vom Entwicklerstudio teilt Jowood mit, das bereits Verhandlungen über ein Gothic 4 mit anderen Studios seit mehreren Wochen laufen. Dabei können sie sich einen Seitenhieb auf ihre ehemaligen Partner nicht verkneifen und erwähnen „Bei der Auswahl des Entwicklers wird insbesondere auf sehr hohen Qualitätsstandard sowie eine abschließend fehlerfreie Programmierung des Spieles fokussiert.“ In den Foren wird nun abwechselnd verbal auf (den nun ehemaligen) Entwickler und Publisher eingedroschen.
23.05.2007 – Die Fronten verhärten sich. In einem Interview mit PC Games sagt Stefan Berger von Jowood: „Wir sind bemüht und arbeiten auf Hochtouren daran, für die Fans so schnell wie nur irgend möglich Patches zu liefern. Wir bitten jedoch um Verständnis, dass es unter Umständen noch etwas dauern kann, da wir bemüht sind den bestmöglichen Ersatz für Pluto 13 (die GmbH der Piranha Bytes gehört – Anm. der Red.) zu finden und nicht schon bei Patches enttäuschen wollen indem wir das falsche Entwicklerteam aussuchen. Augenblicklich lassen wir allerdings prüfen, ob Pluto 13 rechtlich zur Lieferung von Patches verpflichtet ist.“ Weiter stellt er klar: „Sämtliche Rechte an der bestehenden Gothic-Reihe, mit Ausnahme von Gothic 1, liegen vertraglich bei Jowood.“
23.05.2007 – Piranha Bytes wehrt sich. In einem Forenbeitrag von Michael Rüve heißt es: „Wir haben die Rechte an der Marke Gothic nicht verkauft. Schon gar nicht in den letzten Monaten um etwa schnell noch Kasse zu machen und dann abzudampfen. Tatsächlich hat JoWood jedoch gewisse Rechte an der Marke, die ihnen unter Anderem erlauben könnten ein Gothic 4 zu entwickeln. Das wollen sie tun, mit jemandem anderen als uns. Zusätzlich mag ich noch anmerken, dass wir als Piranha Bytes (Pluto 13 GmbH, die Eigentümer dieser Firma sind die Teammitglieder hier – sonst niemand) mit Gothic 3 keinen Gewinn gemacht haben. Im Gegenteil.“
23.05.2007 – Ebenfalls am selben Tag veröffentlicht der Chefredakteur von 4players Jörg Luibl eine bissige Kolumne über die letzten Geschehnisse bei der weder Entwickler noch Publisher gut weg kommen. Lesenswert.
04.06.2007 – In einem Interview mit dem Magazin Börse Express sagt Albert Seidl von Jowood: „Wir machen Gothic 4, weil wir ausschließlich und exklusiv dazu berechtigt sind. Dies beinhaltet auch sämtliche Derivate auf die Gothic-Serie und etwaige weitere Nachfolger.“
06.06.2007 – Piranha Bytes hat sich nun ebenfalls zu der rechtlichen Lage geäußert. In der Pressemitteilung heißt es: „Über einzelne Nutzungsrechte an den bereits veröffentlichten und künftig aus dieser Reihe noch erscheinenden Spielen sowie der Marken Gothic gibt es umfangreiche und vertrauliche vertragliche Vereinbarungen mit der JoWooD Productions Software AG. Darstellungen, nach denen alle Rechte an künftigen Spielen der Gothic-Serie ausschließlich und exklusiv bei einem Unternehmen lägen, entsprechen in keinem Fall den Tatsachen.” Näher darauf eingegangen sind sie aber nicht. Es ist also weiter Unklar wer jetzt den Nachfolger und weitere Gothic Spiele machen darf und machen wird.
Die Rechtslage ist also alles andere als eindeutig und vielleicht treffen sich die beiden Kontrahenten ja früher wieder als ihnen lieb ist, nämlich vor Gericht. Die Community kocht jedenfalls und es wird wohl viel Überzeugungsarbeit nötig sein um sie für ein neues Gothic Spiel zu begeistern.
Damit schalten wir vorerst zurück vom Schlachtfeld ins Studio und verabschieden uns von unseren Zuschauern. Das war eine neue Ausgabe von Die Akte, live und in Farbe und nur hier. Empfehlen sie uns weiter, tschüss und bis zum nächsten Mal.
Quellen: gamestar.de, wikipedia.de, 4players.de