Category: Wo Milch und Honig fließen

How could you not fall in love?

Mit diesem Zitat von SONIC ICELAND möchte ich beginnen. Und damit ist eigentlich fast alles gesagt.
Im laufe des Jahres 2010 haben sich drei Menschen aufgemacht um mit ihren Kameras das Herz Islands zu ergründen. Enstanden sind drei sehr unterschiedliche Kurzfilme. Unterschiedlich und doch gleich, denn alle drei geben tiefe, wunderschöne Einblicke. Am Ende muß sich der Betrachter die Frage gefallen lassen.

How could you not fall in love?

Und kein Ende in Sicht

Was können wir heute noch machen? Wie wäre es zum Abschluss mit einem kultig-schrulligen Plattenladen und danach etwas Entspannung? Gern doch.

Beim Frühstück sitzt uns ein Motorradfahrer gegenüber der die Insel mit einem Kumpel umrundet hat. Er erzählt von staubigen Pisten und wie ihm jeden Abend sein Allerwertester schmerzt. Die vor dem Urlaub frisch aufgezogenen Reifen haben inzwischen kaum noch Profil und verstoßen in Deutschland bei der Rückkehr mit ziemlicher Sicherheit gegen die Straßenverkehrs-Ordnung. Aber egal, irgendwie will er damit zurück nach Bielefeld. Für die zweiwöchige Rundreise mussten sie eine zusätzliche Woche für die An- und Abreise einplanen. Allein die Überfahrt mit der Fähre von Dänemark aus, dauert zweieinhalb Tage. Ich freue mich darauf so einen Trip selber mal zu unternehmen – aber nicht mit Zweirädern.

Eigentlich wollen wir im 12 Tónar nur kurz vorbeischauen, aber wie es mit Musikgeschäften nun mal so ist – wir bleiben Stunden. Es werden kostenlos Tee oder Kaffee gereicht und wir kommen mit dem Inhaber und anderen Musikbesesseneninteressierten ins Gespräch. Mit einem Niederländer unterhalten wir uns lange über die vielseitige isländische Musikszene. Danach werden Stapelweise CDs und Schallplatten probegehört (und gekauft, später dazu mehr). Und zuletzt auch Fotos gemacht, von dem Geschäft und gegenseitig.

Danach geht es zur Blauen Lagune. Wie im letzten Jahr ist die Ruhe am Ende eines ereignisreichen Urlaubs genau das Richtige. Dieses Mal funktioniert die Temperaturanzeige und an manchen Stellen zeigt sie 44 Grad Celsius. Ist es zu heiß bist du zu schwach. Gemütlich lassen wir uns treiben und genießen Bier (ich) und Cocktail (sie). Die Lavasteine die das blaueweiße Wasser zusammenhalten sind an manchen Stellen sehr spitz, häufig aber auch von einer schneeweißen Mineralienschicht überzogen. Dort wo sie bereits hart geworden ist erinnert sie stark an Keramik. Kurz vor dem künstlichen Wasserfall und gleich neben dem Dampfbad treffen wir den Holländer aus dem Audiogeschäft wieder. Er hat fast 300€ in Silberscheiben aus dem Laden geschleppt. Dagegen sind unsere 4 CDs nichts.

Das war jetzt im Kalender nur eine Woche, gefühlt aber ein ganzer Monat. Ich bin wie beim letzten Mal traurig und glücklich zugleich. Eines Tages bleibe ich. Bis zum nächsten Mal.

Dancing in the Daylight

Ein beschaulicher Vorletzter. Vormittags ein Besuch der Settlement Exhibition. Zwar haben wir diese auch letztes Jahr besucht, aber ohne Audioguide und ohne Ruhe. Beides ist heute reichlich vorhanden. Unter der Straße wurden Ausgrabungen gemacht und dabei die Überreste eines Torfhauses aus dem Jahr 871 (±2 Jahre) freigelegt. Sehr interessant weil dies vermutlich auch die Zeit der Ankunft der allerersten Siedler in Island war.

Sehr lustig: Sobald ich hier jemanden auf isländisch begrüße erhalte ich als Antwort einen wahren Redeschwall der absolut unverständlich ist. Wenn ich dann mit einem Fragezeichen über dem Kopf „Sorry?“ sage entschuldigen sich die meisten schnell und behaupten sie hätten ja nicht gewusst das ich ein Ausländer sei. Entweder ich sehe nicht wie einer aus oder meine drei Worte sind perfekt ausgesprochen. Oder beides?

Die Nationalgalerie ist dann eine echte Lachnummer. In zwei Sälen werden hässliche und sehr hässliche Gemälde ausgestellt. Die Landschaft hier ist doch gerade zu inspirierend, aber statt dessen werden irgendwelche komischen Punkte und Kringel aus den letzten 30 Jahren exponiert. Dafür das die Galerie schon 1884 gegründet wurde frage ich mich ernsthaft wo all die alten und bestimmt auch wunderschönen Pinselstriche hin sind.

Auf dem Ingólfstorg einem Platz in der Stadtmitte machen wir dann verspätet Mittagspause und genießen bei einem Hotdog (muss man hier probieren) eine Band die Volkslieder mit einem starken Pop- und Jazzeinschlag spielt. Wer schnell ist kann das sogar von aufgestellten Sesseln und Sofas aus genießen. Ein Teppich, ein niedriger Tisch und die Stehlampe geben dem ganzen endgültig das Flair eines Wohnzimmers unter freiem Himmel. Richtig schräg wird es, als sich plötzlich ein Flashmob bildet. Ungefähr ein Dutzend als Sherlock Holmes verkleidete Personen gehen über den Platz und bleiben wie auf Kommando in wilden Verrenkungen stehen, sitzen oder liegen, um nur wenige Sekunden später wieder zum Leben zu erwachen. Der Spaß wiederholt sich ein Paar mal bis die Detektive wortlos verschwinden. Silfurberg lassen sich davon nicht beirren und spielen munter weiter. So munter das einige behinderte Kinder anfangen mit ihren Begleitern zu tanzen. Eine ausgelassene und sehr schöne Stimmung.

The Reykjavik Museum of Photography ist die letzte Station. Wie bei der Gallery macht sich auch hier Ernüchterung breit. An den Wänden hängen wenige alte und viele neue, mehr langweilige als aufregende Fotos. Aber wir kommen trotzdem auf unsere Kosten. Auf einem großen Bildschirm läuft eine Slideshow mit hunderten alter Aufnahmen. Schnell zwei Stühle herbei gezaubert und wir genießen für längere Zeit die schwarzweiß Impressionen.

Auf dem Heimweg die Unverschämtheit – zum ersten und einzigen mal während unseres Aufenthalts regnet es und wir laufen nach Hause.

Wissen auf Knopfdruck

Genug Geld ausgegeben, heute steht Kultur und Wissen auf dem Programm. Der Plan ist zuerst das Nationalmuseum zu studieren und danach an weiteren Exkursionen teilzunehmen. Aber wie soll es anders sein, der Plan scheitert. Das Museum ist so groß und umfangreich das wir 4 bis 5 Stunden darin verschwinden und danach zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Frau Kleins Audioguide gibt sich störrisch. Zuerst mit einem Wackelkontakt und als dieser behoben ist, fängt das Gerät plötzlich an abwechselnd auf französisch und dänisch zu sprechen.

Wir schlendern um den Tjörnin und beobachten Gänse- und Entenfamilien. Sehr niedlich, ergo werden reichlich Fotos geschossen. Vor dem nordischen Haus sind einige Exponate aufgebaut an denen Kinder einfache physikalische Gesetze ergründen können. Auch für Erwachsene keine langweilige Angelegenheit (für uns sowieso nicht) und wie von Geisterhand werden letzte Kraftreserven mobilisiert. Ein voller und toller Tag. Góða nótt.

Shoppen kann so schön sein

Wie ein Stein geschlafen. Beim Frühstück dann endlich den von unserer Isländisch-Lehrerin empfohlenen Skyr probiert. Lecker. Dann ab in die Stadt. Genauer in die Einkaufsstraßen.

Jetzt sollte mein Gutschein den ich vor einem halben Jahr zum Geburtstag bekam, eingelöst werden. Bei 66°North einem isländischen Hersteller von Outdoorbekleidung. Aber was sahen unsere entzündeten Augen, Jacken für rund 500€ und Schuhe die noch teurer waren. Damit kann man zweifellos auch ohne Zelt und Bundeswehrschlafsack auf einem Gletscher überwintern, bloß hatte ich dies gerade nicht vor und begnügte mich mit etwas Kleinerem.

Die berühmte Kringlan wollte ebenfalls besucht werden, entpuppte sich aber als gewöhnliche Shopping-Mall wie man sie überall kennt. Einen Unterschied gibt es aber doch. Hier fahren viele Kunden mit Einkaufswagen durch die Läden, auch wenn es sich dabei um Mode- oder Schmuckgeschäfte handelt. In einer Buchhandlung blättern wir uns durch isländische Bibeln, Atlanten, Wörter- und Kinderbücher. Die Bildbände verstehen wir am besten. Ein Verkäufer trägt dann tatsächlich ein T-Shirt unserer Lieblingsband Ljótu hálfvitarnir, wir sind begeistert.

Am Nachmittag decken wir uns in einem Supermarkt mit Spezialitäten des Landes ein. Lakritz, Trockenfisch, Skyr und undefinierbare Bonbons. Den Trockenfisch essen die Einheimischen gerne als Snack abends vor dem Fernseher oder bestreichen ihn mit salziger Butter. Wir überlegen ernsthaft die gesamte Verwandtschaft damit einzudecken, schrecken aber bei dem Preis von annähernd 50€ pro Kilo etwas zurück.

Business as usual

Toller Flieger. Die Ehefrau beschwert sich darüber das die Kiste keine Fernseher hat, mich hingegen beunruhigt es eher das die Sitze teilweise mit Kabelbinder repariert wurden und über uns an der Decke Ketchup klebt – oder handelt es sich dabei um Blut?

In Keflavík angekommen macht sich sofort ein heimeliges Gefühl breit, die elf Monate seit unserem letzten Besuch vergingen wie im Flug, während viele andere wild umherirren laufen wir zielstrebig dem Ausgang entgegen. Draußen begrüßt uns kühles aber trockenes Wetter. Auf der Busfahrt in die Hauptstadt sind wir von der Landschaft genauso hingerissen wie letztes Jahr. Laute Jubelrufe bei Felsbrocken die wir zu kennen oder isländischen Wörtern welche wir zu verstehen meinen inbegriffen. In Reykjavík setzt sich dies fort. Hier ein bekanntes Gebäude, dort eine vertraute Straße. Ich bin aufs neue von den Geländewagen fasziniert die auf ihren Ballonreifen durch die engen Gassen donnern.

Wir sind Mittags so ausgehungert dass das erstbeste Lokal gestürmt wird. Es schmeckt fantastisch auch wenn es den Anschein hat wir wären beide schwanger. Ich nehme einen Berg von einem Brunch mit einer heißen Schokolade und meine bessere Hälfte einen Hamburger mit Früchtetee – was für Kombinationen. Wir streunen den ganzen Tag durch die Stadt, zum Teil auch unfreiwillig. Einen Supermarkt umkreisen wir mehrfach nur um kurz vor dem Ziel aufzugeben – es ist ja Sonntag. In der Innenstadt haben dann aber doch die Hälfte der Geschäfte geöffnet und wir stöbern ein wenig nach unnützen Souvenirs. Abends wird noch der Hafen inklusive mehrerer Walfänger besichtigt bis endgültig das Nachtlager ruft.

Die nächste Eiszeit?

Alle reden über den Klimawandel aber keiner tut etwas dagegen. Keiner? Stimmt nicht. Denn ein kleines Land im Nordatlantik bemüht sich sehr darum die Temperaturen der nördlichen Erdhalbkugel zu senken. Unter anderem ist ihnen das bereits im Jahr 1783 gelungen.

Waren die Versuche im März diesen Jahres noch zurückhaltend, legen sie jetzt richtig los. Der Flugverkehr in Europa ist schon weitgehend eingestellt. Das ist das Ende!

Ende im Gelände?

Island ist toll. Und die Menschen dort sind es auch. Die machen sich anders als wir keine Gedanken über Politik und andere unwichtige Dinge. Lieber diskutieren sie darüber was mit wilden Schafen passieren soll. Farmer halten sie für überflüssig, nach dem Gesetz sind sie (unbeaufsichtigt) illegal und manch Blogger sieht in ihnen gar die letzten Nachkommen der ersten Siedler-Schafe. Und die Schafe selber? Die haben es schwer denn obwohl sie – im Vergleich zu normalen Schafen – längere Beine und einen besseren Stand auf felsigem Untergrund haben, fällt bei ihrer Jagd leider immer wieder das ein oder andere von den Klippen und stirbt.

Und der Streit geht weiter.

Weiß

Und wer ist nicht dort?

*Grummel*

Faul im Blau

Heute haben wir uns für den letzten Tag viel vorgenommen. Nach 20 mehr oder weniger anstrengenden Tagen ist heute ein purer Füße-hoch-Tag angesagt. Wir besuchen die Blaue Lagune. Aus 2000 Metern Tiefe wird Wasser an die Oberfläche gepumpt. Mit diesem wird über eine Turbinen Strom erzeugt. Danach fließt es in einen mit Lavasteinen ausgelegten und umrandeten See. In diesem Industrieabfall schwimmen wir herum. Das Nass ist aber nicht irgendwie dreckig, im Gegenteil, es hat viele positive Eigenschaften und heilt oder lindert viele Hautkrankheiten.

Das ist uns heute aber herzlich egal. Wir erfreuen uns an dem 40 Grad (schwankt zwischen 34 und 160 Grad) warmen Tiefenwasser und sind die glücklichsten Menschen des Sonnensystems. Unsere Haut wird auch nach 7 Stunden im Wasser (mit kleinen Unterbrechungen) kaum schrumpelig. Die Farbe des Wassers kann man sich als Mischung aus Milch und dem Eis Blauer Engel vorstellen. Das perfekte Traumbad. Meine Mama würde sich trotz der Entfernung nach Düsseldorf bestimmt eine Dauerkarte kaufen. Neben dem See gefällt uns besonders eine Dampfgrotte, aber auch der Massagewasserfall oder die Bar sind nette Aufenthaltsorte. Etwas mehr Zeit und wir hätten bestimmt im schicken Lava-Restaurant diniert.

Wir freuen uns sehr auf Zuhause, wollen aus Island aber gar nicht fort. Was für ein Dilemma. Im Bus zum Flughafen habe ich Tränen in den Augen. Ein ganz großer Traum ist für mich in Erfüllung gegangen. Im Herzen weiß ich, das ist erst der Anfang und so Gott will werden wir noch viele Male die Wunder dieser Insel erforschen und jedes Mal ein Stückchen mehr begreifen.

Am Flughafen dann noch ein letzter Hammer. Wir haben zu viel Gepäck. Durften wir auf dem Hinflug noch 26kg haben, sind es nun auf einmal nur 20kg pro Person. Mit der Dame bringt alles Verhandeln nichts und wir sind gezwungen 50 Euro extra zu blechen. Kleiner Wermutstropfen wir sitzen als kleine Entschädigung im Flugzeug in der ersten Klasse. Die Aussicht auf Keflavík und das sonst rabenschwarze Eiland ist beängstigend makellos. Ich will hier nicht fort.

Fortsetzung folgt unbedingt.